Kunst oder Theater?
Die Zwillingsforschung hat hervorgebracht, dass unsere Gene höchstens zu 50 % auf den menschlichen Charakter Einfluss nehmen. Der antike Philosoph Epiktet beschäftigte sich im 1. Jh. n. Chr. mit der moralischen Selbstbestimmtheit des Menschen und seiner inneren Freiheit, die ihm auch durch eine äußere Unfreiheit nicht genommen werden kann. Epiktet nimmt in seiner Grundlehre eine strikte Trennung zwischen den Dingen, die man selbst beeinflussen kann, und denen, die außerhalb der Macht des Einzelnen stehen, vor. Das bedeutet, dass man sich darüber klarwerden muss, wer man ist, um danach zu entscheiden, was man zu tun hat.
Als Fazit könnte man zusammenfassen, dass im Grunde nicht die Authentizität eines Menschen zu bewundern ist, sondern die Fähigkeit jedes Einzelnen, die wirklichen Werte zu sehen, zu leben und aufrechtzuerhalten. Es ist nicht von Bedeutung, wer man aktuell ist, sondern es ist von Belang, in welche Richtung man sich zum Besseren entwickelt, um dem Selbst näher zu kommen. Dahinter steckt die Kunst, sich zu entfalten, ohne in die Irre zu laufen. Fehler darf man getrost machen, solange man sie erkennt, einsieht, sich umstellt und verändert – und gleichzeitig authentisch bleibt. Darin liegt keine Inkonsequenz! Anpassungen des eigenen Handelns und Denkens sind unerlässlich für eine echte, tiefe und fundierte Persönlichkeitsentwicklung und ein augenscheinliches Merkmal der Authentizität.
Ein weiterer Aspekt bezieht sich nicht auf die eigene Authentizität, sondern auf die Akzeptanz anderen Menschen gegenüber, die sich mit ihren Unzulänglichkeiten präsentieren. Diese Personen mit ihren ungewohnten, authentischen Charakterzügen zu tolerieren, zu ertragen oder gar mit ihnen zu leben, verlangt eine besondere Wertschätzung und bestenfalls die Einsicht, dass man eine Bereicherung erfährt.
Sehr viele Menschen sind nicht in der Lage dazu, diesen Personen mit Toleranz und Achtung gegenüberzutreten. Die Posts im Internet sprechen in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache. Z. T. wird durch respektlose, unreflektierte, unlogische und unbegründete Äußerungen deutlich, dass man Andersartiges missachtet und disqualifiziert. Wer nur die eigene Meinung gelten lässt und andere als Ignoranten darstellt, zeigt sich auf der einen Seite zwar in gewisser Hinsicht als authentisch, gibt auf der anderen Seite allerdings seine unerfahrene Haltung preis.
Worin steckt also die Kunst, Authentizität zu zeigen und authentisch zu bleiben?
Man zeigt sich ehrlich, lebt getreu seiner Veränderungen seine Authentizität und stellt sich gleichzeitig auf eine vorurteilsfreie Begegnung mit einem anderen authentischen Menschen ein. Dies kann einerseits anspornen und andererseits Anlässe zum Umdenken geben.
