Authentizität und persönliche Entwicklungsprozesse

Authentizität und persönliche Entwicklungsprozesse

Eine Gratwanderung!?

Innerhalb unseres Lebens gelangen wir zu neuen Erkenntnissen, sammeln Erfahrungen und verändern Meinungen. Wir wechseln Verhaltensweisen, lassen uns auf andere Denkprozesse ein und reifen mit den Veränderungen in unserer Gesellschaft – wir befinden uns in einem steten persönlichen Entwicklungsprozess und damit ist sich unsere Persönlichkeit in keinem verhärteten Zustand.

Unsere Kompetenzen mehren sich und die Fähigkeiten wachsen – daher sind auch unsere Persönlichkeitsmerkmale flexibel. Vermutlich wird aus einem zurückhaltenden, introvertierten Menschen kein lebendiger, weltoffener Zeitgenosse. Dennoch verändert sich unsere Identität durchschnittlich alle zwei Jahrzehnte. Demnach gelten die Lebenszeitspannen zwischen 15-20 Jahren, 35-40 Jahren, 55-60 Jahren und älter als 75 Jahre als Anpassungs- und Neuorientierungsphasen.

Dass ein Mensch einer fertiggestellten, unveränderbaren Statue gleicht, ist eine Fantasievorstellung. Das bedeutet, dass wir Authentizität wahren können, obwohl wir uns ständig verändern, denn eine authentische Ausstrahlung ist keinesfalls mit einer konformen Haltung zu verwechseln. Wichtig ist nur die Echtheit uns selbst gegenüber und als grundsätzliche Lebensleitlinie.

Wird dem Thema Authentizität zu viel Aufmerksamkeit zuteil?

Echtheit ist eine positiv besetzte Charaktereigenschaft, Ehrlichkeit wird unbedingt geschätzt, Glaubwürdigkeit erscheint unerlässlich, Unverfälschtheit schafft Vertrauen, Transparenz gilt als nennenswerte Zugabe … in unsicheren Zeiten, auf politischem Terrain, in Freundschaften, bei Geschäftsprozessen.

Haben Authentizität und Persönlichkeit nicht aber auch einen Touch der Glorifizierung?

Die nachfolgende Definition zu Authentizität in Bezug auf den Menschen und nicht auf die Bereiche Recht, Marketing, Informatik, Archäologie, Musik usw. wirft Fragen auf.

  • Wendet man die Authentizität auf Menschen an, bedeutet sie, dass man sich gemäß seinem wahren Selbst, d. h. seinen Wertvorstellungen, Gedanken, Emotionen, Überzeugungen und Bedürfnissen verhält, ausdrückt und entsprechend handelt. Man lässt sich nicht durch äußere Einflüsse manipulieren. Damit würde z. B. der Gruppenzwang die persönliche Authentizität untergraben.

Leichter gesagt als getan!

Darf sich Authentizität nicht auch ein bisschen Opportunismus erlauben oder sich gelegentlich mit Zugeständnissen paaren? Sind Kompromisse grundsätzlich verboten und ist ein Opfer für andere Menschen zu bringen verpönt, wenn man authentisch bleiben will?

Setzen wir die Authentizität nicht auf einen gar zu hohen Thron?

An Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit ist sicherlich gar nichts Falsches, dennoch erhebt sich die Frage, ob das Authentische zum weltlichen Sakrileg erhoben wird und eine Vorbildfunktion innehat.

Kann Authentizität eine Fassade sein und dahinter verbirgt sich ein undurchschaubares Wechselspiel?

Vergessen wir nicht, dass ein Tyrann ebenso authentisch wie ein Priester sein kann, nur jeder auf seine Art.

Authentizität glorifiziert jedenfalls einen selbstsüchtigen Menschen nicht zu einem beneidenswerten Kämpfer und macht aus einem kritischen Querulanten keinen mutigen Besserwisser.